PARNASS: TAMÁS HENCZE. DER UNGARISCHE NEOAVANTGARDIST

14.10.19 | by ANNEMARIE ANDRE (Parnass Kunstmagazin)

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Röntgenbild, Graffiti oder geometrische Illusion? Die Werke von Tamás Hencze (1938–2018) weisen keine Spuren des Künstlers auf und wirken trotz ihrer Unpersönlichkeit anziehend. Der Kunstsammler und Kurator Amir Shariat stellt in Wien Werke des ungarischen Neoavantgardisten aus.


Die Wirkung der Farbe bei geschwungen Linien, geometrischen Formen, ausgefranst, bei der Linie und im Farbverlauf. Dieses Experimentieren steht im Zentrum des künstlerischen Schaffens von Tamás Hencze. Akribisch malte er Farbverläufe, die wie gesprayt aussehen, und eine figurative Deutung sofort ausschließen. Andere Werke wiederum wirken wie optische Illusionen aus einem Rätselbuch, als würde nun gleich jemand fragen: Welche Form ist nun tatsächlich die größte?

Die 39 Werke von Tamás Hencze hängen in einem ehemaligen Gebäude der Wirtschaftskammer. Der Kunstsammler Amir Shariat hat sich dort eingemietet, um eine Ausstellung zu präsentieren, auf die er rund drei Jahre hingearbeitet hat. Die Werke stammen aus Shariats Privatsammlung und aus der acb gallery Budapest. Das Kuratieren ist für Shariat kein Widerspruch zu seiner Sammlertätigkeit, sondern eher eine logische Ergänzung. Der Erfolg gäbe ihm dabei Recht.

„Bei den Ausstellungen, die ich bisher kuratiert habe, wurde viel von Museen gekauft – das ist ein Beweis, dass die Arbeit gewissenhaft ausgetragen wurde“, sagt Amir Shariat. Die Werke von Hencze sind ohne die Sammlungsbestände zu durchmischen in chronologischer Reihenfolge gehängt – nicht besonders ausgefallen, aber für Shariat ein Weg, um auf die künstlerische Entwicklung Henczes hinzuweisen.

SCHWIERIGE STARTBEDINGUNGEN FÜR OSTEUROPÄISCHE KÜNSTLER

Museen von Wien bis Tokio sind im Besitz von Gemälden des ungarischen Neoavantgardisten. Am Kunstmarkt selbst ist die Nachfrage nach Malern aus dem osteuropäischen Raum noch gering. Grund dafür ist nicht zuletzt die stalinistische Regierung Ungarns nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Ausland bekannt zu werden war dadurch beinahe unmöglich – dieser Nachteil ist bis heute spürbar. Sammler bezahlen für das Werk eines jungen Künstlers oft wesentlich mehr als für ein Werk von Tamás Hencze, der sogar den ungarischen Kossuth-Preis erhalten hat. „Oft gibt es keinen Zusammenhang zwischen Kunstmarkt und intellektuellem Wert der Arbeit“, so Sammler Shariat.

Die akribisch ausgeführte Gleichmäßigkeit ist es, die den Maler Hencze so einzigartig macht. Die Farbe trug der Künstler mit einer Gummiwalze auf, um jegliche Unebenheit zu vermeiden. Von den eingeritzten Linien und Fingerabdrücken seiner früheren Werke bewegte sich Hencze immer weiter weg. „Es ging um eine bewusste Mechanisierung und Konzeptualisierung der Malerei, wodurch das Handschriftliche eliminiert wurde“, sagt Rainer Fuchs.

Der stellvertretende Direktor des mumok kuratierte 2018 eine Ausstellung zur Neoavantgarde mit Werken von Tamás Hencze. Die zunehmende Mechanisierung bei Hencze sei nicht nur auf die Einflüsse westlicher Konzeptkunst zurückzuführen, sondern auch auf sein Interesse an Raumfahrt und Technologie. Die kühle Ästhetik seiner Werke, die reduzierte Farbigkeit und auch der Mut zur Leere sprechen dafür.

In Henczes Werken passiert meist nicht so viel, der Farbauftrag und die Formen sind gleichmäßig und damit auch hypnotisch. „Die Darstellung von räumlichen Verläufen thematisierte auch die Wahrnehmung als interpretativen Akt, der die Rolle der Betrachter selbst mitthematisierte“, so Fuchs. Der Betrachter, der sich in Henczes Formen und Farbverläufen verliert, ist also mitgemeint. Das zeigt sich auch bei den Werken aus den frühen 2000er-Jahren. Der ungarische Künstler vereint horizontale Linien und Farbverläufe und schafft damit Gemälde, die an Röntgenbilder oder Neon-Leuchtröhren erinnern. Der Flimmereffekt? Eine optische Illusion.

 

Grimmelshausengasse 2-4, 1030 Wien
Österreich

TAMÁS HENCZE. COLORS

28. September bis 20. Oktober 2019

 

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